Genuss mit gutem Gewissen - Neue Rebsorten

Neustadt an der Weinstraße / Hans Georg Frank 16.08.2018

Volker Freytag motiviert sich als Rebenzüchter mit dem Anspruch eines fürsorglichen Vaters: „Es kann nicht sein, dass ein Kind auf die Welt kommt und vom ersten Tag an Medizin braucht.“ Der Experte aus Neustadt an der Weinstraße hat sich spezialisiert auf pilzresistente Reben. Aus seinem Betrieb stammen Sorten, die in Fachkreisen pilzwiderstandsfähige Sorten, kurz Piwis heißen. Sie sollen Falschem und Echtem Mehltau zwar nicht komplett widerstehen können, aber doch mit weitaus weniger Chemie und Arbeit auskommen.

Piwis sind eine Antwort auf Klimawandel und gesteigertes Umweltbewusstsein. Herkömmliche Reben müssen bis zu zehnmal gespritzt werden mit Fungiziden und Herbiziden. Bei diesen Schlepperfahrten wird CO2 ausgestoßen und der Boden stark verdichtet. Auch Biowinzer sind davor nicht gefeit. Weil ihre Gegenmittel wie Kupfer und Schwefel weniger wirkungsvoll sind, müssen sie häufiger ausgebracht werden.

Aber die Forschung kommt nur langsam voran. Bis eine vielversprechende Sorte verkauft wird, vergehen 25 Jahre. Freytag gelangen seit 1992 sechs marktfähige Sorten – bei gut 700 000 Versuchen. Er hat auch eine der erfolgreichsten Alternativreben im Angebot, den aus der Schweiz stammenden Cabernet blanc zum Einzelpreis von 2,10 €. Ein orthodoxer Riesling kostet 1,70 €. Der 56-jährige Pfälzer ist der einzige private Kreuzungszüchter in Deutschland. Führend sind staatliche Einrichtungen wie das Julius-Kühn-Institut (JKI) am Geilweilerhof bei Landau, das dem Bundeslandwirtschaftsministerium untersteht, sowie die Institute des Landes in Freiburg und Weinsberg.

Hat der Südhang ausgedient?

„Der Klimawandel wird uns zum Sortenwandel zwingen“, betont JKI-Chef Reinhard Töpfer. Beträgt der Marktanteil der Piwis derzeit etwa 3 Prozent, rechnet Töpfer in zehn Jahren mit 10 Prozent. Riesling werde sich an seinen jetzigen Südhängen nicht mehr lange halten können, sagt der Wissenschaftler. Winzer versuchten eine Kompensation durch den Anbau an schattigeren Nordhängen, wo die Trauben nicht mehr so früh reifen, aber genügend Säure entwickeln können. Mit dem Ortswechsel wäre der „König der Weißweine“ nicht allein. „Das betrifft alle Sorten querbeet“, erklärt Töpfer.

Züchter achten nicht nur auf Resistenz gegen Krankheiten. Sie nehmen auch gerne in Kauf, dass die Beerenhaut so dick wird, dass die gefürchtete Kirschessigfliege keinen nennenswerten Schaden anrichten kann. Weil die europäische Rebe „ein Schwächling“ sei, wie Rolf Steiner in Freiburg weiß, würden Verwandte als Verstärkung bemüht. Bis 1982 sei nur mit amerikanischen Wildreben gearbeitet worden, jetzt werde auch die Vitis Amurensis aus Sibirien eingekreuzt.

Viele Winzer fremdeln mit Piwis, obwohl sie weniger Arbeit hätten, besonders an Steillagen wären sie eine Erleichterung. Aber die Produzenten fürchten um mangelnde Akzeptanz bei Kunden, die auf herkömmliche Sorten wie Spät- oder Grauburgunder fixiert sind. Dabei wäre mit diesen Weinen ein Genuss mit gutem Gewissen möglich. Bernd Gemmrich aus Beilstein bei Heilbronn hat bereits so gute Erfahrungen mit Cabernet Cortis und Bronner – Züchtungen aus Freiburg – gemacht, dass er den Piwi-Anteil auf seinem 8,5 Hektar großen Weingut auf fast ein Drittel erhöht hat, „Tendenz steigend“.

In Freiburg gefeiert
Seine Tochter Anja hat sich für ihre Bachelorarbeit über die Marktchancen der Sorten den Namen „Unkaputtbar“ ausgedacht. „Das kommt zu 90 Prozent gut an“, sagt sie über die wissenschaftlich ermittelte Resonanz.

Als der Seiteneinsteiger Andreas Dilger vor 15 Jahren in Freiburg sein Weingut aufgebaut hat, bekamen Piwis den Vorzug. „Robuste Rebsorten“ sagt er dazu, jeweils sechs rote und weiße baut er an. Das Ergebnis ist  mitunter etwas struppig, aber in der Öko-Hochburg Freiburg wird Dilger gefeiert als „Piwi-Pionier“.

Die Ersparnis überzeugt manch traditionellen Winzer. Ohne es an die große Glocke zu hängen oder auf der Preisliste zu erwähnen, reservieren sie in ihrem Weinberg ein Stück für Piwis. Mit Solaris aus Freiburg lässt sich ein Riesling kombinieren, der Cabernet blanc macht sich gut unter Sauvignon blanc. Bis zu 15 Prozent darf der Anteil betragen. Das deutsche Weinrecht lässt das zu.

JUNGE STÄDTER ALS ZIELGRUPPE
Eine Marktstudie der Hochschule Heilbronn über die Akzeptanz von Piwi-Weinen hat ein Drittel der 1500 Befragten als potenzielle Kunden ausgemacht. „Das ist sehr viel für eine Anfangszielgruppe“, erklärt der Wissenschaftler Lucas Nesselhauf.  Als „besonders empfänglich“ gelten jüngere Konsumenten in „urbanem Umfeld“, die Diskussion und Diffamierung der ersten Bioweine nicht erlebt haben. Besonders geschätzt werden bei den „starken Rebsorten für eine starke Umwelt“ die Reduzierung des Pflanzenschutzes, weniger Belastung durch C02, Nachhaltigkeit und der Erhalt der Steillagen. hgf


Quelle:  Südwestpresse

 

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